Einmal alles anders | JuMSchBlog

Einmal alles anders

20.10.2010
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In der AWO Jugendeinrichtung im Medienhafen von Düsseldorf betreiben wir ein Internet-Café. An fünf Laptops und drei Netbooks bestreiten unsere Besucher-Kinder und Jugendlichen ihre Streifzüge durchs Netz. Das Angebot Internet für Kinder und Jugendliche in offenen Jugendeinrichtungen ist nichts ungewöhnliches mehr und es sollte nur noch wenige Einrichtungen geben, die nicht zumindest einen Basiszugang vorhalten.

Internet- und Computer-Angebote in den Einrichtungen haben oft ein Problem. Sie sind teuer und dennoch schlecht gepflegt. Die Sicherheitseinstellungen sind meist besonders scharf, denn wenn eins eine unumstößliche Wahrheit ist, dann die, dass Kinder und Jugendliche alles installieren und ausprobieren, besonders aber das, was auf Windows-Versionen verboten oder unerwünscht ist. Damit landen jede Menge Viren und Trojaner auf den Rechnern. Oft ist der DSL-Zugang aus Kostengründen geteilt. Arbeitsnetz und Besuchernetz gehen über eine Leitung ins Internet. Ideal ist das nicht.

In unserer Jugendeinrichtung im Medienhafen haben wir uns schon vor ein paar Jahren für einen anderen Weg entschieden. Nach einigen  Experimenten mit Windows XP und der Open-Source-Internet-Café-Zugangssoftware Cybera haben wir uns dazu entschieden uns von Windows komplett zu verabschieden und auf Ubuntu Linux zu setzen. Die Rechner sind vollkommen offen, jeder kann das installieren, was er ausprobieren möchte. Das Root-Passwort, das dafür erforderlich ist, ist auf allen Rechnern gleich und alle Kinder und Jugendlichen kennen es. Obwohl wir Ubuntu mit dem Gnome-Desktop einsetzen und auf den Netbooks die Oberfläche Unity gibt es beim  ersten Kontakt mit dem fremden System selten mehr als ein kurzes Zögern, bevor zielstrebig das Firefox-Symbol angeklickt wird und die Reise ins Internet beginnt. Arbeits- und Besuchernetz sind voneinander getrennt, sodass es eine klare Trennung voneinander gibt und das experimentierfreudige Besuchernetz die Arbeitsrechner nicht gefährdet.

Nun könnte der besorgte Leser annehmen, bei derart offenen Einstellungen könnte jede Menge kaputt gehen… Ja, manchmal wird ein System so zerstört, dass es neu installiert werden muss. Das allerdings ist erwünscht. Es ist erwünscht, dass sich unsere jungen Nutzer in der für sie fremden Computer-Umgebung zurecht finden. Es ist auch erwünscht, dass sie Erfahrungen sammeln, neue Programme installieren, Einstellungen für ihre Bedürfnisse anpassen. Es ist erlaubt, dass sie den Windows-Live-Messenger, der hier sehr beliebt ist, herunter laden, manchmal auch zehn mal herunter laden, bis sie heraus bekommen, dass sich Windows-Programme auf einem Linux-System nicht installieren lassen, es aber dennoch verschiedene gute Möglichkeiten gibt, den Messengerdienst zu nutzen, selbst mit der Webcam, wenn sie es denn gerne möchten.

Unser Internet-Café ist mit hochwertigen und professionellen Programmen für Fotobearbeitung (GIMP), Videoschnitt (PiTiVi), Desktoppublishing (Scribus), Büro-Anwendungen (OpenOffice) und unzähligen weiteren Möglichkeiten ausgestattet, die jede Menge kreativer Möglichkeiten bieten und praktischerweise kostenfrei sind. Dabei stehen die Open-Source-Varianten in Sachen Funktion und Qualität den kostenpflichtigen Programmen aus der Windowswelt kaum nach.

Wenn wir manchmal Jugendliche in unserem Café wahrnehmen, die via Konsole ein Programm installieren (ich weiß, diesen Satz haben jetzt nur ein paar Nerds verstanden), dann sehen wir, dass unser Konzept aufgegangen ist, dass das funktioniert hat, was wir bei der Umstellung wollten: Unsere Kinder und Jugendlichen sollten kein restriktives Windows lernen, sondern sie sollten lernen mit Computern umzugehen und das auch dann hin zu bekommen, wenn das was sich auf dem Bildschirm zeigt, ganz anders aussieht, als das was sie von zuhause oder aus der Schule gewohnt sind.

Ergänzend zu erwähnen ist im übrigen noch, dass unser Internet-Café (wie im übrigen in allen Jugendeinrichtungen der Düsseldorfer AWO) mit dem OpenDNS-Jugendschutzfilter gefiltert wird. Auch das ein Unternehmen, welches sich der Community verpflichtet fühlt und auf die Power der Community setzt. Es ist der zuverlässigste und durchdachteste Filteransatz, der mir bekannt ist. Auch wenn sich OpenDNS sicher nie um eine Anerkennung durch die KJM – Kommission für Jugendmedienschutz bemühen wird. Die weltweite Unterstützer-Community ist die Redaktion, die den OpenDNS-Filter pflegt. Auch ich gehöre zu dieser Community-Redaktion, wenn ich ein paar Minuten Zeit habe und kategorisiere Seiten ein.

Gängige Filteranbieter unterhalten in der Regel kleine Redaktionen, die mit der Vielzahl der täglich neu erscheinenden Seiten im Netz schlicht überfordert sind. Das erklärt die schlechte Qualität der allermeisten Filtersysteme.

Wenn man die Kolleginnen und Kollegen fragt, was denn wohl anders geworden ist seit wir umgestellt haben, dann ist ein Satz immer wieder zu hören: “Alles ist viel entspannter geworden”.

Bildquelle: Ubuntu

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4 Kommentare zu Einmal alles anders

  1. wii1and on 03.11.2010 at 22:48

    Sehr gut! #Linux #FTW!

  2. klinkhart on 03.11.2010 at 23:03

    Super Herangehensweise! Ich bin echt begeistert.

  3. Florian on 04.11.2010 at 09:42

    Der Artikel gefällt mir gut. Danke! Ich finde es super, dass ihr euch so viele Gedanken gemacht habt. Und schön, dass es hier so ausführlich dokumentiert ist. Ich teile die Intention in fast allen Punkten.

    Was mich stutzig macht, ist der letzte Punkt bzgl. OpenDNS. Ihr verwendet einen “Jugendschutzfilter”? Steht das nicht im Widerspruch zu all den Absichten die zuvor dargestellt wurden? Wenn die Kinder und Jugendlichen in einer freien und experimentierfreudigen Umwelt aufwachsen sollen, wieso soll dann der Zugang zu Inhalten strikt kontrolliert sein?

    Und wie funktioniert dieser Filter denn technisch genau? Versuchen die Kinder und Jugendlichen nicht sowieso diesen Filter zu umgehen?

    Viele Grüße

  4. Michael Krause on 04.11.2010 at 12:12

    Bei den OpenDNS-Filtern geht es um das Grobe. Extremistische, islamistische, pornografische oder indizierte Inhalte sollen im Groben draußen bleiben. Das Angebot Internet-Café für Kinder und Jugendliche ist immer begleitet und immer angeleitet. Bei Kindern mehr, bei Jugendlichen weniger werdend. Du kannst und du sollst deine Augen als Betreuer andererseits nicht überall haben. Wir verstehen es demnach als ein Gebot der Sorgfalt auf DNS-Ebene einen Filter einzusetzen, der von einer weltweiten Community gepflegt wird und der gerade den jüngeren Surfern entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte erspart.

    Dass der Filter nicht zu 100 Prozent sicher ist, ist uns dabei bewusst. Allerdings haben wir auch hier keine übermäßig restriktive Lösung angestrebt.

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